SHARE Share Button Share Button SHARE

„Alle gehören dazu“

VON NINA SAAM

Nach 23 Jahren in der Schulleitung geht Wolfram Fuchs, Sonderschullehrer und Leiter der Albert-Schweitzer-Förderschule in Sundheim, in den Ruhestand.

Wolfram Fuchs hinterlässt in der Albert-Schweitzer-Schule ein gut bestelltes Feld. Foto: Nina Saam

Herr Fuchs, wie kamen Sie zu diesem Beruf?

Wolfram Fuchs: Das war wohl meine Bestimmung, dass ich nie aus der Schule rausgekommen bin. Zunächst wollte ich Kunst studieren – aber bei der Studienberatung wurde mir empfohlen, vorher einen Beruf zu erlernen. Dann habe ich mich für Sonderpädagogik entschieden, da auch hier Kreativität gefragt ist. Aber es liegt auch bei uns in der Familie, mein Vater war Dorfschullehrer im Odenwald.

Was ist das Besondere an der Albert-Schweitzer-Schule?

Wir sind ein SBBZ (Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum) mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Unser Auftrag lautet Bildung und gesellschaftliche Teilhabe – das ist für die Zukunft unserer Kinder am wichtigsten. Neben dem Unterricht bietet unsere Schule deshalb ein breites Feld an Zusatzangeboten, um die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Kinder zu erkennen, zu fördern und auszubilden, zum Beispiel eine Metallwerkstatt, den Schulgarten, ein Lernwald-Projekt, den Albert-Schweitzer-Bus und die Kooperation mit der Musikschule, um nur einige zu nennen.

Was war für Sie in all den Jahren an der Schule die größte Herausforderung?

Dass wir 2007 den Neubau für unser Ganztagsangebot im Rahmen des Förderprogramms IZBB (Investitionsprogramm Bildung und Betreuung) bekommen haben. Für unsere Schule war eine Ganztagsbetreuung eigentlich nicht vorgesehen. Vom Ministerium hieß es damals, für unsere begleitungsbedürftigen Schüler könne kein Personal zur Verfügung gestellt werden. Unsere Lösung hieß dann „Ganztagsangebot für Kinder in besonderen Lebenslagen“, eine Form der freiwilligen Ganztagsschule. Die Angebote am Nachmittag werden von ehrenamtlichen Jugendbegleitern, Lehrbeauftragten, Menschen, die uns unterstützen wollen, Vereinen und zum Teil auch von Lehrern durchgeführt.

Was hat sich im Laufe der Jahre am meisten verändert?

Die Mediennutzung. Früher war Video und Fernsehen das große Thema, heute wird das durch das Internet und das Handy exponentiell verstärkt. Die Kinder werden ganz früh mit allem konfrontiert – Mobbing, Glücksspiel und Pornografie beispielsweise. Und viele haben auch kein Zeitlimit, die kommen dann morgens nicht aus dem Bett oder schlafen in der Schule ein. Dem versuchen wir durch aufsuchende Arbeit entgegenzuwirken. Natürlich ist das nicht immer von Erfolg gekrönt, aber auch wenn uns die Tür nicht aufgemacht wird, bleiben unsere Schulsozialarbeiterin und die Lehrer am Ball.

Was können Sie dann tun?

Dass sich manche nicht an Vereinbarungen halten, ist kein schulisches, sondern ein gesellschaftliches Problem, das sich in der Schule widerspiegelt. Auch die Respektlosigkeit, vor allem gegenüber unseren weiblichen Kolleginnen, hat zugenommen. Wenn die Eltern mitziehen, kann man Einfluss nehmen, aber wenn die Kinder völlig sich selbst überlassen werden, laufen auch wir ins Leere. Über gute Angebote versuchen wir die Kinder zu motivieren und ihnen Werte wie Respekt zu vermitteln.

Haben Sie auch schon Kinder der Schule verwiesen?

W ir möchten den Kindern das Gefühl geben, dazuzugehören, und versuchen Ausschlüsse zu vermeiden. Wir geben alles, um die Kinder halten zu können, es kommt deshalb zum Glück nur selten vor und nur dann, wenn Kinder ständig über die Stränge schlagen, provozieren und sich und andere gefährden. Wir sind sehr froh, dass fast alle in unserer Schule zu einem guten Abschluss kommen.

Wie sieht es auf der Erfolgsseite aus?

Mit einem engagierten Team aus haupt- und ehrenamtlichen Helfern ist es uns über die Jahre gelungen, ein Unterstützungssystem aufzubauen, das unser Lehrplanangebot wirksam ergänzt. Seit über 20 Jahren bieten wir beispielsweise die Kunsttherapie an, die unseren Schülern hilft, akute persönliche Probleme zu bearbeiten, die ihren Lernerfolg möglicherweise behindern. Indem sie ihre Bedrängnisse malen und gestalten, bewältigen sie sie ein Stück weit. Oder die Metallwerkstatt, die ihnen aus der Werkstatterfahrung heraus über Praktika Zugang in die Berufswelt ermöglicht, so dass viele von ihnen Arbeit gefunden haben.

Wir haben ehrenamtliche Lesepatinnen, die ein- bis zweimal in der Woche in die Schule kommen und dort mit den Kindern lesen üben. Parallel dazu unterstützen die Bürgerstiftung Kehl und der Rotary Club eine professionelle Lehrkraft, die unseren Schülern in Einzelunterricht Sprachförderung anbietet. Die Jugendmusikschule steht schon unseren Kleinsten seit Jahrzehnten zur Verfügung und ermöglicht ihnen mit dem Zugang zur Musik eine einzigartige Quelle der Freude und der Sinneserfahrung.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Schülern?

Viele Ehemalige kommen nach ihrer Schulzeit zu Besuch und berichten über ihren Werdegang. Immer wieder höre ich den Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu wollen, um die Zeit und die Angebote in der Schule besser nutzen zu können. Es ist schön zu hören, dass wir ihnen Wege aufzeigen konnten.

Ein Erlebnis hat mich besonders berührt: Vor Jahren kam ein afghanischer Junge zu uns, weil seine Mutter gestorben und er völlig am Ende war. Nach einer Weile wechselte er auf die Hebelschule. Jahre später kam er und sagte mir, dass er gerade sein Abi bestanden habe – und dass er das ohne die Zeit an unserer Schule nicht geschafft hätte.

Was haben Sie jetzt vor?

Ich habe meinen Job immer gern gemacht, die Schule war praktisch mein Lebensinhalt. Jetzt werde ich mich erst einmal umorientieren, aber langweilig wird mir sicher nicht, da ist ja noch die Kunst, die Musik und mein großer Garten. Aber ich werde der Schule und den Kindern sicherlich immer verbunden bleiben.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Schule?

Erstens, dass es mit der Sanierung des Schulgebäudes endlich losgeht und wir in allen Klassenzimmern WLAN haben. Zur Zeit können wir die vorhandenen iPads kaum nutzen. Zweitens, dass weiterhin viele und gute Aktivitäten an der Schule angestoßen werden, die es auch jungen Menschen mit schwierigen Voraussetzungen ermöglichen, ihren Weg zu finden.

Die Albert-Schweitzer-Schule.

Archivfoto: Nina Saam

SHARE Share Button Share Button SHARE